Nicetea

Apr. 24

Wurmchronik - Teil 4einhalb

Während des Gesprächs konnten wir zumindest den Namen der Person neben uns ermitteln. Unser erstaunter Gesichtsausdruck war so gut wie nicht gespielt.

"Gaea?"

"Ich weiß! Meine Eltern meinten es wirklich nicht gut mit mir." Sie begann zu lachen. Mechanisch stimmten wir ein. Vielleicht, so dachten wir, ließe sich doch etwas interessantes lernen.

„Und was bedeutet dein Name,“ fragten wir.

Sie stieß einen Luftzug aus. “Uff! Soviel wie Mutter oder Erde oder so. Als Kind hatte ich mal ein Was-ist-was-Buch über griechische Mythen. Was-ist-was kennst du?”

"Wer nicht," logen wir routiniert.

"Na jedenfalls stand da drin, dass Gaea die Mutter von ganz vielen der anderen Götter war. Also der griechischen…" Wir nickten. Jaja, weiter. Mehr. "…und mehr weiß ich eigentlich auch nicht. Kann mich nicht erinnern." Wir sanken zurück in den unbehaglich nach Staub riechenden Zugsessel. Wir richteten unsere Aufmerksamkeit auf die vorbeihuschende Landschaft jenseits der Fenster, die mal grün, mal braun, mal grau war.

"Es sieht nach Regen aus," sagte sie.

"Ja."

"Ein Freund von schlechtem Wetter, wie?"

"Wir, ich liebe den Regen." Es war nicht gelogen.

Apr. 23

Welttag des Buches. Ist heute angeblich. Aus diesem Anlass präsentiere ich: mein aktueller Zu-Lesen-Stapel. Ich werde mir in nächster Zeit wohl keine weiteren Bücher anschaffen. Wie sieht es bei euch aus? Was lest ihr momentan?

Welttag des Buches. Ist heute angeblich. Aus diesem Anlass präsentiere ich: mein aktueller Zu-Lesen-Stapel. Ich werde mir in nächster Zeit wohl keine weiteren Bücher anschaffen. Wie sieht es bei euch aus? Was lest ihr momentan?

Wurmchronik - Teil 4

Einige Tage später verließen wir das Schiff und betraten den Hafen im Heimatland des Großen. Wir richteten unseren Blick gen Himmel. Eine graue Wasserdampfdecke, mit vereinzelt auftretenden Wolken von schwarzer und violetter Färbung. Ideale Bedingungen, wäre es nur um zwei oder drei Grad wärmer. Einige der aussteigenden Passagiere schienen sich daran zu stören, dass wir unsere ausgestreckte Zunge als Werkzeug zur Messung der Luftfeuchtigkeit nutzten.

"Hey!" Die Stimme war uns vertraut. Es war unsere Bekanntschaft vom Moment unserer Bewusstwerdung. Verdammt sei das Schlammloch, aus dem wir gekrochen sind. Wir hatten es geschafft, ihr auf dem verwinkelten Raum des Schiffslabyrinthes bis zum Ende der Reise aus dem Weg zu gehen. Nun stand sie vor uns, baute sich in einer gespielt bedrohlichen Gebärde auf. Wir versuchten es mit einer Entschuldigung und einem der passenden Emotionsgesichter, die wir in den letzten Tagen immer wieder vor dem Spiegel unserer Kajüte geprobt hatten. Als Begründung zogen wir arbeitsbezogene Probleme und Notwendigkeiten für baldige Vorbereitungen heran. Es schien sie zufriedenzustellen.

Wir ärgerten uns, als das Geschöpf beschloss, uns noch “ein wenig” zu begleiten. Am Bahnhof stellte sich heraus, dass wir unglücklicherweise denselben Zug in Richtung Heimat nehmen mussten. Der ständige Redeschwall der Frau sorgte dafür, dass wir nicht all unsere Sinne komplett auf die Wahrnehmung unserer Umwelt konzentrieren konnten. Als wir sie nach ihrem Namen fragten, plusterte sie beleidigt ihr Gesicht auf. Das Schauspiel ließ uns einige Zentimeter zurückschrecken. Ob wir uns überhaupt noch an irgend etwas von diesem “magischen Abend” erinnern könnten, fragte sie. Wir überlegt kurz, ob wir einen unserer inneren Finger zur ständigen Überwachung des Gedächtnisses von Benjamin an einer der empfindlichen Stellen des großen Hirns sollten. Wir probierten es, doch die Last der hereinbrechenden Signale war für uns zu stark. Damit wäre einer unserer zarten Finger unwiederbringlich verloren. Wir verfluchten unsere Reisegefährtin mit ihrem dümmlichen Gesichtsausdruck, ihrem ständigen Geplapper und ihrer verdammenswürdigen Aufdringlichkeit.

"Tut mir echt leid. Ich muss mir wohl den Kopf gestoßen haben oder so. Haha!" Wir notierten uns im Geiste, sie später den Verlust unseres Fingers schmerzlich büßen zu lassen.

Apr. 22

Wurmchronik - Teil 3

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Kajüte 0342. Wir standen vor einem der, in allen Gängen des Passagiertraktes montierten, Lagepläne. Der Aufbau und die Verteilung der Kabinen war schlüssig, sodass wir uns gut den Weg zu unserem Quartier merken konnten. Kurze Zeit später hatten wir die Tür mit der korrekten Aufschrift, 0342, gefunden. Wir steckten die Schlüsselkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz. Nach einem bestätigenden Tonsignal drückten wir die Klinke der Tür und schoben.

Unerwartet stießen wir auf Widerstand. Wir schoben fester und langsam schafften wir es, die Tür um die Breite eines ausreichenden Spaltes zu öffnen. Als wir uns in den kleinen Raum gezwängt hatten, staunten wir nicht schlecht. Wie konnte eine einzelne Person innerhalb so kurzer Zeit ein solches Chaos verursachen?

Der Boden war komplett mit Papieren und Unmengen von Wäsche bedeckt. Sanft zogen unsere farblosen Fühler im Inneren unseres Kopfes an Sehsträngen, um eine optimale Ausnutzung des peripheralen Sehfeldes herbeizuführen. Schnell nahmen wir nun den Inhalt des Raumes in unser Kurzzeitgedächtnis auf. Vier Hemden, drei Hosen, sieben Socken, eine Vielzahl von Unterhosen. Fotoapparat, digital. MP3-Player mit Diktierfunktion, ein Buch mit wissenschaftlichem Titel. Ein elektronisches Wörterbuch. Und nur ein einsamer Koffer.


Wir schnappten uns, nachdem wir unser räumliches Sehvermögen wiederhergestellt hatten, Fotoapparat, MP3-Player und die wenigen losen Papiere, welche sich als Ausweis und Reisepass entpuppten. Auf der Speicherkarte der Kamera befanden sich die üblichen Touristenfotos. Uns fiel allerdings auch auf, dass besonders viele Fotografien Restaurants, Gaststätten, Speisekarten und bestellte Gerichte chinesischer Küche abbildeten. Auf dem MP3-Player war wenig Musik. Einen Großteil des Speicherplatzes belegten eigene Aufnahmen, die sich mit dem Essen, dem Service und der Hygiene diverser Restaurants Chinas beschäftigten. Indes stellten wir fest, dass uns unsere Stimme mißfiel. Wir korrigierten sie mit einem Ziehen an den richtigen Organen um eine halbe Oktave nach unten.

Der Ausweis: Benjam Z., 30 Jahre alt.

Der Reisepass verriet uns, dass Benjamin jährlich in jeweils einen anderen der weit entfernten Winkel der Welt reiste. Wir notierten uns innerlich unsere Adresse und alle weiteren gewonnenen Fakten.

Wir bemerkten einen Spiegel und verglichen unser Gesicht mit der biometrischen Abbildung des Ausweises. Ein wenig zerzauster, durch den leichten Bartschatten eine Ecke verwegener. Wir probierten die verschiedensten Grimassen aus, bis wir ein Gefühl für das adäquate Darstellen von Emotionen erlangt hatten.

Schließlich fiel uns noch ein Gewicht in einer unserer Hosentaschen auf. Ein Handy. Wir überprüften sofort die wenigen Kontakte. Viele Namen wiesen den Zusatz “Gesundeheitsbehörde” auf. Anhand der erhobenen Fakten wagten wir eine Schlussfolgerung: Benjamin Z. hatte eine Vorliebe dafür, Ordnung und Hygiene bei anderen besonders scharf zu beäugen, während er selbst sehr nachlässig war. Nach einer Weile machte er aus dieser Vorliebe seinen Beruf und wurde Inspektor für die Gesundheitsbehörde. Jedes Jahr verließ er sein eigenes Hoheitsgebiet, um in anderen Ländern unverschämt zu mäkeln.

Wenn das stimmte, so war das ein für uns wunderbarer Umstand. Was für ein Glück! Zur Feier probten wir unser Lachen.

Apr. 21

Wurmchronik - Teil 2

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Vieles war für uns zunächst zutiefst erstaunlich. So etwa die Feststellung, dass rythmische Bewegungen unsere Konzentration unterstützen. So konnten wir gleichzeitig unsere momentane Lage analysieren und gegenüber der Urlaubsbekanntschaft des Großen höflich sein.

Unsere erste Aufgabe sollte es sein, dachten wir, uns mit unserem Körper näher vertraut zu machen. Wir testeten verschiedene Atemtechniken, bis wir eine solche fanden, welche eine für unsere Situation optimale Lunge-Pump-Aktivität ermöglichte.

Wir benutzten unsere Finger und massierten fremdes Fleisch. Das Geschöpf unter uns gab einen Gurr-Laut von sich. WIr beschlossen, dies mental zu notieren. Wer weiß, wer weiß. Als besondere Herausforderung verknüpften wir unser Selbstentdeckungstraining mit dem Ziel, weitere Töne aus unserer Partnerin zu locken.

Hin und wieder ließen wir und die Frau voneinander ab und verrenkten uns in neue Körperkombinationsmöglichkeiten. Wir erstellten innerlich eine Liste der Positionen, die uns am besten gefielen. Die, bei denen unser Körper auf dem Rücken liegen durfte, waren klare Favoriten, erlaubten sie doch eine maximale Konzentration unserer Hirnaktivitäten.

Während dieser Phasen konnten wir feststellen, dass wir einen gewissen Geschmack besaßen. Die Einrichtung der kleinen Schiffskajüte, plump und spartanisch, mißfiel uns zum Beispiel sehr. Im Gegensatz zu der netten Dame über uns. Dunkelhaarig, eher klein, gymnastisch begabt. Dann stellten wir fest, dass wir auch große blonde Frauen mochten, die auf den ersten Blick zu ernst haft wirken mochten. Ein Widerspruch?

Wir streckten einen blassen Fühler nach unserer Hirnmasse aus. Vorischtig befühlten wir das nassweiche Gebilde. Wir schmeckten…

Aha! Wir waren offenkundig nicht die Herren unserer eigenen Sinne. Unsere akrobatischen Verausgabungen hatten chemische Signalgeber freigesetzt. Diese sorgten dafür, dass wir so ziemlich alles als etwas wunderbarer empfanden, als das üblichweise der Fall gewesen wäre. Bei näherer Betrachtung gefiel uns nun auch die Kajüte sehr viel besser. Wir beschlossen, Analysen und andere komplexe Denkvorgänge auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

"Sehen wir uns noch?" Das fragte sie an diesem späteren Zeitpunkt.

"Sicher," logen wir. Als die Tür geschlossen war, prüften wir unsere Taschen. Eine Schlüsselkarte. Kabine 0342. Es war an der Zeit, uns kennenzulernen.

Apr. 20

ani-leleve fragte: Once you get this, you have to say five nice things you like about yourself publicly, then send it to ten of your favourite followers!

Das gibt es ja auch noch!

  1. Ich habe genügend Freunde, die ich bei solchen Sachen um Rat fragen kann.
  2. Ich kann mich immer häufiger an meine Träume erinnern.
  3. Versuche, Leute zu unterhalten.
  4. Nichtraucher seit zweieinhalb Jahren.
  5. Cooler Vorname.

Aus Nettigkeit erlasse ich es mal, die Frage weiterzusenden. Weltenweber gehen sicherlich auch so langsam die Antworten aus.

Apr. 19

Wurmchronik - Teil 1

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Die meisten Menschen erinnern sich nicht an den Moment ihrer Geburt, doch wir sind nicht die meisten Menschen. Wir erinnern uns genau. Die Pfütze war schlammig, kaum noch Wasser zu nennen. Der Große war dreißig Jahre alt und in China nur zu Besuch. Der Kleine war drei Wochen alt, was für einen wie ihn, der es noch nicht in einen der Großen geschafft hatte, erstaunlich war. Dieser Sommer war jedoch besonders regnerisch und feucht. Es war ein Glück für den Kleinen und seine schwache Hülle.

Der Große hatte nicht aufgepasst oder schlicht nicht gründlich überlegt. Als sein nackter Fuß auf die feuchte Erde traf, genoss er das Gefühl erfrischender Kühle. Die Wunde an seinem Zeh war von ausreichender Größe. Der Kleine schlüpfte in den warmen Körper voller Nährstoffe und konnte so sein instinktives Verlangen nach Überleben befriedigen. Während der Große das für ihn fremde Land erkundete und die reiche asiatische Kulturgeschichte näher kennenlernte, suchte der Kleine in den folgenden Tagen einen permanenten Unterschlupf und Lebensraum.

Und er wuchs.

Der Große schwitzte in der nächsten Zeit mehr als üblich. Er führte diesen Umstand auf das für ihn ungewohnte Klima zurück.

Wochen vergingen, bis sich die Gefährten schließlich auf einem Schiff wiederfanden. Das Ziel war die Heimat des Großen. Majestätisch pflügte der stolze Personentransporter durch Wasser und Gischt in tiefblauer Nacht, als sich der Große während eines Abendspaziergangs an der Reling hielt. Verträumt beobachtete er das Schauspiel dahintreibender Wellen, und überlegte, dass dies die ideale Kulisse für eine romantische Reisebegenung wäre.

In einem Anflug irrsinniger Schicksalshaftigkeit traf der schweifende Blick des Großen auf die mandelförmigen Augen einer jungen Schönheit, die sein Faible für nächtliche Spaziergänge teilte. Unglücklicherweise stand der Moment unserer Geburt kurz bevor.

Eine oder zwei Stunden später war der Augenblick gekommen. Der Kleine und der Große verknüpften sich auf eine Weise, die neues Bewusstsein entstehen ließ. Wir waren auf der Welt. Freudig nahmen wir die wenigen Eindrücke in uns auf, die uns die dunkle Kajüte bieten konnte.

"Warum hörst du auf?"

Die Stimme kam von unten. Offensichtlich war unsere Geburt zeitlich ungünstig abgepasst.

"Entschuldige," sagten wir mit der Stimme, die nun unsere war und machten weiter.

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