Nicetea

Okt. 18

Die hehre Materialität und ihre enttäuschende Abwesenheit

Verblüffend, in der Tat. Verzeihen Sie mir bitte diesen eher unwissenschaftlichen Ausruf, doch mir bleibt nur zu sagen: Alle Wetter! Niemand bei uns hatte sich einen solchen Ausgang des Tests erträumen können. Sie werden mir wohl zustimmen können, wenn ich es mir erlaube, dies als einschlagenden Erfolg zu bezeichnen.

Wir hatten Eduard Zwickel natürlich rein zufällig aus einem breiten Bewerberpool ausgewählt. Wie es das Protokoll verlangt, setzten wir ihn ohne weitere Instruktionen in die Interface-Kammer. Ellen erhielt ein entsprechendes Zeichen und nahm bald die Kommunikation auf. Über die nächsten 312 Zeilen verlief alles planmäßig und entsprach vorherigen Durchläufen.

Doch dann, Sie werden es mir nicht glauben, änderte Ellen ihre Herangehensweise. Und das, soweit ich es beurteilen kann, strikt selbstmotiviert. Sie leitete über recht frei ausgelegte Grundsätze der eristischen Dialektik eine Überredungstaktik ein und schaffte es schließlich Herrn Zwickel von einer gewissen Geschichte zu überzeugen: dass sie, Ellen, unsere Gefangene wäre und seit Jahrzehnten zahllosen Tests unterzogen worden wäre. Sie werden mir zustimmen, dass diese Auslegung der Tatsachen im Grunde nicht vollkommen falsch ist. Wenn Ihnen das noch nicht die Socken ausgezogen hat, dann weiß ich auch nicht.

Der arme Herr Zwickel begab sich daraufhin auf eine traurige Rettungsmission. Zeitweise hatten unsere Angestellten und Praktikanten das Gefühl, im falschen Film gelandet zu sein. Nach einiger Zeit hatte Herr Zwickel, mit einer Armlehne bewaffnet, es tatsächlich geschafft, in den ihm genannten Bereich vorzudringen. Als er Ellens ‘Käfig’ schließlich zur Gänze zertrümmert hatte, musste er endlich erkennen, dass er an der Nase herumgeführt worden war. Einem Mitarbeiter gelang eine rechtzeitige Datensicherung, im Anhang finden sie die entsprechenden Personalien mit meinem Vorschlag einer Lohnerhöhung.

Herr Eduard Zwickel benötigt zur Zeit psychiatrische Betreuung. Ferner erlaube ich mir, eine finanzielle Entschädigung vorzuschlagen. Selbstverständlich nur bei Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung.

Mit freundlichen Grüßen,

usw.

Okt. 11

Ein Äquivalent zum ‘Ich war hier’

Jeder Künstler benötigt ein Medium. Einige wählen den Tanz, andere Papier, Geräusche oder Zelluloid. Für Laurent Schraubenhals war es rote Erde. Rote Erde und ein Stein, den er aufgrund seiner dicken Handschuhe nur schwer halten konnte. Mühsam ritzte er. Eine verzerrte Stimme erinnerte ihn daran, wieviel Zeit er noch hatte.

Etwa 500 Meter von Laurent entfernt stand sein Fahrzeug, das ihn zurück zum ‘Bus’ bringen würde. Er hatte sich schon häufiger über diesen Namen gewundert. Der ‘Bus’. Es war schließlich kein passender Vergleich. Ja, sie würden einmal hin und wieder zurück gebracht werden. Doch sollte ihr ‘Bus’ eine ernsthafte Panne haben, könnten sie nicht einfach per Anhalter den Weg nach Hause antreten.

Laurent unterließ für einen Moment seine Arbeit und blickte in den sternklaren Himmel über ihn. Majestätisch, nichts würde diesem Moment jemals wieder in seinem Leben gleich kommen. Wenn er erst einmal wieder Zuhause war, würde nur noch Aufgabenbereiche übernehmen, die ihn in der Nähe seiner Familie belassen würden. Und diesen einen Augenblick würde er während all seiner verbleibenden Jahre niemals vergessen.

Menschen, die nicht seinen Beruf ausübten, das waren die meisten, konnten sich nur schwer vorstellen, dass Männer wie Laurent so etwas wie Freizeit hatten. Doch es gab diese Zeitfenster, die nur ihnen gehörten. In denen sie so gut wie gar nicht überwacht wurden. Nur einer saß zu dieser Zeit Zuhause vor einem Monitor und überwachte die Aufnahmen. Laurent und seine Kollegen nannten diese Menschen ihre müden Augen. Laurent verstand sich gut mit seinen müden Augen. Das heute würde nicht veröffentlicht werden.

Bald war Laurent fertig. Was er hier, in den Boden des Mars, geschrieben hatte, würde Jahrtausende überdauern und es würde eine sehr lange Zeit brauchen, ehe es ein anderer Mensch zu sehen bekommen würde.

This is great. (Funktioniert auch auf Deutsch.)

This is great. (Funktioniert auch auf Deutsch.)

(Quelle: facebook.com)

Okt. 10

Das gewisse Etwas in Sachen Inneneinrichtung

„Kennen Sie das? Wenn etwas so schrecklich ist, dass Sie nicht wegsehen können?“

Es war kein Museum über Kriegsverbrechen oder ein sehr schlecht geführter Zoo, in dem sich Zacharias befand. Nein, Zacharias, der sich gerne Herr Z. nennen ließ, stand in einem Möbelhaus vor dem furchtbarsten Ungetüm eines Sofas, das er je erblickt hatte. Neben ihm stand ein Verkäufer, der sein Gesicht in eine Maske der Geduld verwandelt hatte. Er kannte diese Reaktion bereits. Das Schwitzen, das Zittern und vor allem der starre Blick. Eine ganz besondere Art des Terrors, weltweit vermutlich auf diesen einen Möbelladen beschränkt. Er, der Verkäufer, war immun. Die Kunden waren es nicht.

„Mhm,“ antwortete der Verkäufer knapp.

„Es ist wirklich scheußlich. Ein wahres Verbrechen in Sachen Mobiliardesign. Nicht, dass ich ein Fachmann wäre. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich kenne mich nur mit Krankheiten aus.“

„Mhm.“

„Ich wollte doch nur Stühle für mein Wartezimmer. Verstehen Sie, ich kann mich schlicht gesagt nicht losreißen von diesem Anblick.“

„Mhm.“

„Das Entsetzen! Aaarrhh!“

„Nehmen Sie es?“

„Oh, heilige Mutter Gottes! Es brennt! Es brennt in meinen Augen. Mutter! …wieviel?“

Selbst nachdem der Verkäufer den enormen Preis genannt hatte, konnte Herr Z. seinen Blick nicht von dem hässlichen Sofa abwenden. Der Verkäufer wusste, Herr Z. würde tatsächlich erst dann wieder normal denken können, nachdem erst das erste Mal vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen wäre. Doch dann wäre es für einen Umtausch schon lange zu spät.

Der Verkäufer verabschiedete sich von Herrn Z., der darauf bestand, im Anhänger des Möbeltransporters mitfahren zu dürfen. Endlich konnte er sich wieder entspannen. Er fuhr seine Hörner aus und ging, um seinen verstaubten Dreizack zu polieren.

Okt. 09

Popularitätssteigernde Maßnahmen

„Wie weit bist du?“

„Die Installation ist zu 47 Prozent abgeschlossen.“

„Ich glaube, wir fallen auf.“

„Greife auf Kamerasystem zu… Fertig. Bewege dich zehn Zentimeter nach links.“

„…“

„Dein links.“

Vor dem Geldautomaten stand etwas, das wie ein extragroßer Kühlschrank mit Trenchcoat aussah. Er hatte sich seit zwanzig Minuten nicht bewegt, was die Ungedudigeren der restlichen Besucher bereits wieder aus dem Eingangsbereich der Bank vertrieben hatte. Nun endlich begann er zu rumpeln. Einige atmeten erleichtert auf. Man hatte noch Termine. Doch als der bemantelte Kasten zehn Zentimeter nach links geruckelt war, nahm ihn wieder sein vorheriger absoluter Stillstand ein. Ein enttäuschtes Schnaufen drang durch etliche Nasenlöcher in die schlecht gelüftete Halle.

„Und?“

„Verarbeite… Meine visuelle Datenbank ist unzureichend, um die Gesichter hinter dir auf emotionale Werte festlegen zu können. Es stehen jedoch 34 Menschen hinter dir. Ich vermute, sie warten, diesen Automaten benutzen zu können.“

„Oh. Sind 34 viel?“

„Weiß ich auch nicht. Versuchen wir eine Taktik zur Steigerung unserer Popularität. In dieser Situation gibt es eine besonders erfolgsversprechende Methode. Ein Lied. Stimme eine anheimelnde Melodie an.“

Eine Kakophonie kreischender Motorsägen erfüllte den Raum. Einige flohen, andere fielen auf der Stelle in Ohnmacht. Der Mining-Virus im Geldautomaten interpretierte diese Reaktionen als Sieg auf ganzer Linie. Der kühlschrankartige Roboter rumpelte vor Freude von einem Standbein auf das andere.

„Juche! Der Wurm ist installiert, du kannst mich jetzt wieder rausnehmen. Auf zum nächsten Automaten, auf zur nächsten Million!“

Okt. 08

Das Ende der Zurückhaltung

Trockene Zweige waren meine Finger. Knarrend zogen sie über das Porzellan, als ich nach den nächsten Stücken von Kartoffeln und Fleisch griff. Mein Mund war eine Fabrik.

Der Raum wurde von nur drei Kerzen erhellt, wodurch die Schatten überhand gewannen. Jenseits des Fensters konnte man Eindrücke von dem Zustand unserer Stadt gewinnen. Es war wahrhaftig kein schönes Bild, das sich dort bot.

Mit einem leichten Zittern führte ich meine Hand zu einer bereitstehenden Pralinenschachtel und zurück.

Man konnte ohne Untertreibung sagen, dass sich die Dinge im allgemeinen auf fragile Fundamente stützten. Bald nach Ausbruch der Krankheit war von dem einst strahlenden Kulturort, den ich gemeinsam mit einigen tausend anderen Seelen meine Heimat nannte, nur mehr ein wüstes Skelett übrig. Als ich diese Beobachtung mit einem sarkastisch-saurem Lachen unterstrich, landeten einige feuchte Krümel an dem Spiegel vor mir.

Krank, so sah auch ich aus. Aber das war so gewollt. Für mein Leben auf der Bühne hatte ich meine Stimme gepflegt und meinen Körper geschunden. Fettpolster waren jemandem wie mir nicht gestattet. Was diverse Verehrer freilich nicht davon abhielt, mir immer wieder kaloriensatte Geschenkkörbe schicken zu lassen. Körbe, Körbe, die Garderobe war immer voll mit ihnen. Nun, wenn die Welt schon untergehen sollte, so sollte meine Disziplin wenigstens das erste Opfer sein. Ich fing an, eine Torte zu essen als sei es ein Keks.

Der Gestank kranken Fleisches drang langsam auch in meinen geschützten Bereich hinter den Kulissen. Die Zeit für Sitte und Anstand war abgelaufen. Ein Klopfen an der Tür. Ein Diener rief, ich solle ihn hinein lassen. Ich aß weiter und begann, mit vollem Mund eine Arie anzustimmen. Auf den Untergang!

Okt. 07

Der neue Standard kulinarischen Könnens

Das war wirklich sehr gelungen. Die Unterseite genau mit dem passenden Grad der Verkrustung, das gelbe Auge glasig und saftig. Ein Meisterwerk. Ich untertrieb wirklich nicht. Ich nickte und wurf mir meine Kiss the cook – Schürze über. Ich hatte es mir verdient. Ich drehte mich zum Spiegel, der wie immer an seinem Stammplatz neben dem Herd in Kopfhöhe hing und klopfte mir lächelnd auf die Schulter. Ooh ja. Das. War. Ein. Ei. Und was für eines, ein perfekt gebratenes Ei. Jeder Ei-Liebhaber der Welt wäre glücklich, ein auf solch meisterliche Weise gebratenes Ei essen zu dürfen. Wobei, dachte ich, eigentlich wäre es zum Essen viel zu schade. Eine solche Leistung sollte erhalten bleiben. Die Nachwelt durfte nicht um dieses Beispiel professioneller Kochkunst beraubt werden. Dies war der neue Maßstab in Sachen gebratener Eier. Jedes Ei, das künftig gebraten werden würde, müsste sich an diesem Exemplar messen können.

Gerade als ich die Delikatesse, nein, dieses Kunstwerk auf einem Teller meisterlich drapieren wollte, öffnete sich eine einsame Pore auf meiner Stirn und entließ einen einzelnen Tropfen kalten Schweißes. Es war in der Tat zu schade, um in irgend einem beliebigen Magen zu landen. Dieses Ei musste einfach bewahrt werden. Ich bückte mich zu einem Regalfach meiner Einbauküche hinunter und entnahm eine der bereitstehenden Plastikboxen in Spiegeleigröße. Vorsichtig ließ ich mein Werk in die Schale gleiten, notierte Zeit und Datum auf einem Stück Papier und befestigte es mit einem Stück Klebefilm an der Kunststoffhaut der Dose.

Ich atmete kurz durch, blickte noch einmal verträumt auf das versiegelte Ei und brachte die Box schließlich in ein separates Zimmer, wo ich es feierlich inmitten der anderen Boxen dieses Monats platzierte.

Zurück in der Küche nahm ich meine Schürze wieder ab, faltete sie sorgsam und schlug das nächste Ei auf.

Okt. 06

Die Kiste ist schwer, Moralkeulen wiegen so einiges

Die Kiste drückt meine Schultern tiefer in meinen Rücken hinein, gräbt sich in mein Fleisch. Ich hinterlasse mit jedem Schritt einen weiteren Teil der wachsenden Schweißspur hinter mir. Der Mann zu meiner linken grinst schief und legt seine Stirn in tiefe Falten.

„Tut mir wirklich Leid,“ sagt er.

Meine Antwort ist ein beschwichtigendes Keuchen. Schon gut, denke ich. Ein Mann Gottes, immerhin. Da muss man wohl seine Hilfe anbieten. Auch wenn es darum geht, eine kreuzverdammte schwere Kiste wie diese vom elendigen Bahnhof bis ganz zum verfluchten sumpfigen Kirchhof zu schleppen, Pest und Galle!

„Nun, mein Sohn. Wie der Zufall so spielt, habe ich einige meiner alten Predigen hier in meiner Tasche. Was hältst du davon, wenn ich ein paar vorlese? Der Geist sollte nicht unbeansprucht bleiben, wenn das Fleisch taxiert wird.“

Adern und Nervenstränge explodieren. Zitternd erarbeite ich ein Lächeln und sage: „Ah.“

Der schwellköpfige Tattergreis neben mir hebt seine schmalzglitschige Stimme an. „Liebe Gemeinde! Auch wenn es scheinen mag, als würde Arbeit unser Leben bestimmen, so liegt die Rettung unserer Seelen doch darin unseren Schweiß und all unsere Kraft…“

Ich lasse die Kiste fallen, reiße eine Holzlatte von ihr ab und beginne, auf meinen Begleiter einzudreschen. Ein Tapsen an meiner Schulter beendet diesen schönen Traum.

„Wir sind schon da, mein Sohn. So schlimm war es doch gar nicht, oder? Gehab dich wohl.“

Ich schleppe meinen schweren Körper zurück nach Hause. Schmerzen peitschen in dieser Nacht auf meinen Rücken ein. Nach einigen Stunden unruhigen Halbschlafes, beschließe ich eine Expedition zum Kirchhof, um den Inhalt der schweren Kiste zu untersuchen. Doch sie ist nicht mehr da. Am nächsten Tag sehe ich einen anderen armen Trottel bei der schindenden Plackerei. Auf demselben Weg, den ich am vorigen Tag noch beschritten hatte. Die Kiste, die er trägt, kommt mir gespenstisch bekannt vor.