Eine große Hilfe, Boje!

Der Boje saß die 43jährige Briefträgerin Chantall gegenüber, was in dieser Welt bedeutete, dass sich eine vergleichsweise optimale Frau im selbstironischen Strickpulli, Boje, einem 2 Meter 50 Monster namens Welpenmassaker3000, Chantall, gegenüber fand.
Der Avatar der Boje lächelte und nickte, der Therapieraum versuchte beruhigend zu vibrieren. Welpenmassaker3000 schluchzte und erzählte mit zitternder Dröhnstimme von zugeklebten Briefkästen, dem tragischen Tod ihrer Katze Walter und sexueller Frustration.
Leicht verdientes Geld, lachte Boje in sich hinein. Das digitale Diplom in Psychodialyse stammte von einer obskuren Kirche aus den USA und war gerade im Sonderangebot zu haben. Sobal Welpenmassaker3000 abgefertigt sein würde, wollte Boje losziehen und in virtuelle Obstplantagen investieren.
Lächeln, Nicken und, um Himmel willen, bloß die blöde Fresse halten. Boje war zwar auf dem neuesten Stand der Technik aber trotz allem nur eine Boje Netzanschluss.
Quelle: pe-m
Quelle: pe-m
2 - Teeparty (Fragment)

Daumen öffnete in plötzlicher Stille seine Augen und sah vor sich eine ihm unbekannte Szenerie. Graue Straßen und geschichtslose Häuser sorgten zwar für ein Gefühl der Vertrautheit, die Aufteilung und das kontrastarme Aussehen der urbanen Architektur waren ihm jedoch unvertraut. Kurzum, Daumen befand sich inmitten einer Stadt, die er nicht kannte. Mehr noch, die Umgebung wirkte unbelebt, bewegungslos - ganz so, als hätte man das mathematische Konzept des Begriffs Stadt an einer Zahlenecke gepackt und in dreidimensionale Form gezogen. Ein betonfarbenes Modell im Maßstab eins zu eins.
Auch wenn die Fassadenschluchten eine endgültige Einsamkeit ausstrahlten - allein war Daumen nicht. Überall auf der Straße befanden sich Gruppen von Menschen, die Daumens Zustand des Aufwachens teilten. Hätte sich ein Vogel am toten grauen Himmel treiben lassen, so hätte er ein Dutzend großer, wabernder Punkte ausgemacht, die wiederum aus zehn bis fünfzehn Menschen bestanden.
Bald konnte man auf der breiten Straße typisches Sozialverhalten beobachten. Menschen, viele dick und faul, schrien, schüttelten sich gegenseitig und begannen plötzlich wieder an Gott, Buddha, Allah und was und wen sonst noch zu glauben. Auch Daumen schloss sich kurz dieser kleinen Massenpanik an. Zweimal rief er etwas Unartikuliertes, er wedelte comichaft mit beiden Armen und kam schließlich wieder zu sich. Er erinnerte sich an den Schatten, die Warnung und die Anweisung.
Dann steckte Daumen die Hände in seine Hosentaschen und begann, in die Stadt hineinzuschlendern. Bald schon folgte ihm eine Traube von Menschen. Dann folgte man einem großen Mann, der hauptberuflich für Rasierklingenwerbung modelte und schnell Daumens Position an der Spitze der Touristenmasse eingenommen hatte. Ein kräftiges Kinn, eine geschwellte Brust und ein stolzer Gang vereinten sich in dieser Person zur geborenen Anführermaschine. Daumen kam der Wechsel gelegen denn instinktiv leitete Superkinn, wie Daumen ihn nannte, die Meute in die Richtung, die auch Daumen für seine Erkundungen vorschwebte. In einem Moment unendlichen Einvernehmens trafen sich die Blicke von Superkinn und Daumen. Ich richte mich nach dir, sandte Superkinn. Ist okay. Da lang, nickte Daumen. So bildeten die beiden die Spitze einer dreiundreißigköpfigen Truppe von überwiegend quengeligen Männern, Frauen und Halbstarker.
Das Stadtkonstrukt erhob sich ihnen zu allen Seiten und fragmentierte den Himmel zu einem geometrischen Puzzle. Aus diesem ergossen sich, nach einer für die Dreiundreißig als kurz empfundenen Zeit, Regentropfen die wie Perlen aus Blei auf Kopfhäute und Schultern schlugen. Der Geruch eines giftigen Sees, der längst verdunstet war, machte sich auf den Straßen breit.
Man suchte daher Schutz in einer verlassen wirkenden Kathedrale, die sich in ihrem Inneren als strahlend beleuchtete Einkaufspassage entpuppte. Der Kontrast zwischen den Straßen, die der Pulk soeben verlassen hatte, und dem warmen Glühbirnenlicht der edel ausgestatteten Konsumkirche war perfekt. Beim Anblick der Schaufenster atmeten nicht wenige erleichtert auf, denn nun befanden sie sich wieder an einem Ort, den sie verstanden. Es war sauber und alles erschien funktionstüchtig, obwohl die verstörte Gruppe die einzigen sichtbaren Lebewesen waren. Es wurden Wünsche laut. Da es nach frisch gebackenem Brot und starkem Kaffee roch, drehten sich die meisten um die Nahrungsaufnahme.
Bildquelle: the city von sloanro (CC BY 2.0)
P.S.: Fertig? Immer noch nicht. Wenn es wieder passt, kommt der Abschluss des Kapitels oder so. Es wird blutig. >:)
Container

Thomas Bischoff, Lagerarbeiter und in der Welt herum gekommen, stand vor einem kaffeepflanzengrünen Schiffcontainer und versuchte sich auf die Geräusche zu konzentrieren, die aus diesem drangen.
Jetzt, drei Stunden nach seiner Schicht und in einer Stille die nur in einer nächtlichen Lagerhalle anzutreffen war in der sich nichts bewegte, hatte sich eine große weiße auf dem Wellblech vor Bischoff gebildet. Blass und dünn.
Das Pochen aus dem Inneren ließ den Behälter rythmisch zittern - der Arachnoid blieb absolut still und starrte aus schwarzen Stecknadelaugen.
Der Container, vielleicht auch die dünne und unbehaarte Spinne, saugte Luft aus dem Raum. Bischoff spürte den Sog, gegen den er schnell wehrlos war und der ihn in Richtung Container zog. Aus drei Metern Abstand wurden langsam zwei Meter, ein Meter, wenige Zentimeter.

Schließlich gingen Lippen und warmes, pulsierendes Exoskelett eine leichte Berührung ein. Die Spinne starrte aus ihren schwarzen Augen, der Container wummerte. Bischoff wusste, dass er vor einer Wahl stand: Sollte er warten, bis der Sog nachließ und er so wieder Herr über die Motorik seines Körpers würde? Oder…
Bischoff entschied sich für den Schrei. Er riss seine Kiefermuskeln, Lippen und Zähne stoben auseinander. Im gleichen Moment explodierte die Kraft des Sogs. Bischoff wurde komplett an den Container gedrückt. Der Spinnenkörper legte sich an seine Zunge, seine Zähne spürten den pochenden Widerstand der Schale.
Weder Bischoff noch das Insekt bewegten sich. Sie wussten, was als nächstes passieren würde. Bischoff biss zu.
Ein dumpfes Knacken ließ sich in Bischoffs Mundhöhle vernehmen, seine Zähne arbeiteten sich langsam durch den Körper. Die Spinne schrie ein unmögliches und schrilles Kreischen. Die Gallertmasse der blassen Organe wurde zergraben. Der Druck des Sogs ließ nach und Bischoff konnte seinen Kopf nach hinten ziehen. Klebrige Fäden hingen zwischen den wenigen Zentimetern, die seinen Mund vom zerschnittenen Spinnenleib trennten. Das trommelfellzerfetzende Kreischen sprang weiter durch die dunkle Halle.
Der Container pochte. Er hämmerte sich in Bischoffs Verstand.
Die Fäden rissen. Die Geräusche verstummten. An ihre Stelle traten pneumatische Akustik und surrende Mechanik.
Njooooooooooooooooooooooooooooooon

Paul saß rittlings auf einer gezündeten und fliegenden Langstreckenrakete und wunderte sich. Wie war er hierher gekommen? Wie dicht und giftig musste der Nebel in seinem Hirn gewesen sein, dass er diese Art der Fortbewegung erwägen und in die Tat umsetzen konnte?
Paul saß rittlings auf einer gezündeten und fliegenden Langstreckenrakete, daran bestand nicht der mikroskopischte Zweifel. Paul kannte sich mit Raketen, besonders Langstreckenraketen, bestens aus. Ansonsten war er ein bisschen dumm. Aber das hier war sein Spezialgebiet, direkt unter seinem Hintern. Hätte Paul sich für Bücher, Geschichten oder Filme interessiert, hätte er in seiner Situation vielleicht an Baron Münchhausen gedacht und sich gefreut. Paul interessierte sich nicht für Bücher, Geschichten oder Filme. Außer, sie hatten mit Langstreckenraketen zu tun. Das hatte er nun davon. Dummer Paul.
Ah, Moment! Paul saß nicht freiwillig rittlings auf einer gezündeten und fliegenden Langstreckenrakete. Man hatte ihn festgebunden. Das erklärte einiges. Nicht für Paul, wohlgemerkt. Sein langsames Denkorgan konnte die offensichtliche Verknüpfung zwischen ihm, der gezündeten und fliegenden Langstreckenrakete und Miriam nicht erkennen.
Paul und die Langstreckenrakete überholten einen Vogel. Hallo, kleiner Vogel!
Miriam war Doktor Miriam. Physikerin, Entwicklerin von Langstreckenraketen und Pauls Freundin. Sie und Er waren für einige unbedeutende Monate zusammen, in denen Paul einem Doktorgrad näher war als jemals zuvor. (Manchmal mehrmals am Tag.[Entschuldigung.])
Wer Paul kannte, konnte aber sehen, dass er sich wenig für Doktor Miriam sondern vor allem für ihre Langstreckenraketen interessierte. Doktor Miriam lernte Paul kennen und kannte ihn schließlich. Sie zog die Konsequenz und band den schlafenden Paul an ihre neueste Entwicklung. Ihre Art, Schluss zu machen.
Aber, wie gesagt, daran dachte Paul nicht. Er dachte generell wenig. Oh, schöner Sonnenaufgang. Nur ein bisschen kalt hier. Paul saß rittlings auf einer gezündeten und fliegenden Langstreckenrakete, die Kurs auf den Sonnenaufgang nahm. Die Rakete schlug irgendwann irgendwo ein und das war es dann.




